Hand aufs Herz: Den falschen Abzieher zu kaufen ist der teuerste Anfängerfehler beim Ritzelwechsel. Ein Kassettenabzieher kostet rund 10 Euro, ein Schraubkranz-Abzieher genauso wenig - aber wer das eine bestellt und das andere bräuchte, steht mit zerlegtem Hinterrad und nutzlosem Werkzeug da. Ich sehe in der Werkstatt jede Woche jemanden, der genau hier reingerannt ist. Der Unterschied zwischen Schraubkranz und Kassette ist in 30 Sekunden erkannt, wenn man weiß, worauf man schaut. Genau das zeige ich dir hier, ohne Marketing-Sprech.
Schraubkranz oder Kassette: worum geht es überhaupt?
Beide sitzen am Hinterrad und tragen die Ritzel, über die deine Kette läuft. Trotzdem sind es zwei grundverschiedene Bauweisen, und genau das entscheidet darüber, welches Werkzeug du brauchst. Der Knackpunkt ist die Frage: Wo sitzt der Freilauf - der Mechanismus, der dich rollen lässt, ohne dass du trittst?
- Schraubkranz (englisch Freewheel): Freilauf und Ritzel bilden eine einzige Einheit. Dieses komplette Paket wird mit einem Innengewinde direkt auf das Außengewinde der Nabe geschraubt. Das ist die ältere Technik, die du vor allem an Rädern bis etwa Baujahr 2000 und an günstigen Neurädern findest. Meist 5-, 6- oder 7-fach.
- Kassette (englisch Cassette): Hier sitzt der Freilauf in der Nabe selbst, als sogenannter Freilaufkörper. Die Ritzel sind ein loses Paket, das auf diesen Körper aufgesteckt und mit einem Verschlussring (Lockring) festgezogen wird. Das ist der moderne Standard, von 8- bis hoch zu 12-fach.
Eins vorweg, weil es ständig durcheinandergeht: Beim Schraubkranz schraubst du den Freilauf jedes Mal mit ab. Bei der Kassette bleibt der Freilauf in der Nabe und nur die Ritzel kommen runter. Das ist der ganze Unterschied - und der Grund, warum die beiden Systeme nicht das gleiche Werkzeug vertragen.
Der Aufbau im Querschnitt
Das Schaubild zeigt den entscheidenden Unterschied auf einen Blick. Links die alte Welt, rechts die moderne - achte darauf, wo jeweils der Freilauf sitzt:
Der wichtigste Punkt aus dem Schaubild: Beim Schraubkranz ist alles ein Teil, das auf das Gewinde der Nabe geschraubt wird. Bei der Kassette steckt der Freilauf fest in der Nabe, und die Ritzel werden mit dem orangen Verschlussring darauf festgeklemmt. Das verändert die komplette Werkzeugfrage.
Schraubkranz oder Kassette erkennen - der 30-Sekunden-Test
Du musst nichts ausbauen, um die Frage zu klären. Drei Handgriffe genügen, und es geht am eingebauten Rad:
- Auf das kleinste Ritzel schauen. Siehst du dort einen separaten Verschlussring mit feiner Verzahnung oder zwei kleinen Aussparungen, der das Ritzelpaket hält? Dann ist es eine Kassette. Fehlt so ein Ring komplett und das kleinste Ritzel ist einfach das Ende des Blocks, ist es ein Schraubkranz.
- Den Daumentest machen. Dreh die Ritzel rückwärts (entgegen der Fahrtrichtung). Achte dabei genau hin: Bei der Kassette ratscht der Freilauf, aber der innere Teil bleibt sichtbar stehen. Beim Schraubkranz dreht sich der gesamte innere Korpus mit ab, weil der Freilauf ja Teil der aufgeschraubten Einheit ist.
- Die Gänge zählen. Das ist nur ein Indiz, aber ein gutes: 5-, 6- oder 7-fach an einem älteren Rad spricht stark für einen Schraubkranz. 8-fach und mehr ist praktisch immer eine Kassette. Reine 7-fach-Kassetten gibt es zwar auch, sie sind aber selten.
💡 Mein Werkstatt-Tipp: "Der zuverlässigste Blick ist der auf den kleinsten Gang. Bei einer Kassette ist der Verschlussring meist mit einer Beschriftung versehen, oft steht dort die Zähnezahl und ein Drehrichtungspfeil. Findest du dort glatten Stahl ohne separaten Ring, hast du zu 95 Prozent einen Schraubkranz vor dir. Ich entscheide das am Rad in unter 10 Sekunden, ohne irgendetwas zu lösen."
Schraubkranz vs. Kassette: die Tabelle
Damit du die beiden Systeme sauber nebeneinander hast - inklusive der Frage, für wen welches überhaupt relevant ist:
| Eigenschaft | Schraubkranz | Kassette | Wann empfehlen wir das? |
|---|---|---|---|
| Freilauf sitzt | im Ritzelpaket (dreht mit ab) | in der Nabe (bleibt drin) | Kassette für jeden, der heute neu kauft oder modern fährt. |
| Befestigung | auf Nabengewinde geschraubt | Verschlussring (Lockring) | Schraubkranz nur noch beim Reparieren alter oder günstiger Räder. |
| Übliche Gangzahl | 5- bis 7-fach | 8- bis 12-fach | Ab 8 Gängen führt am Kassetten-System ohnehin kein Weg vorbei. |
| Werkzeug zum Lösen | Schraubkranz-Abzieher (Typ beachten!) | Kassettenabzieher + Kettenpeitsche | Erst prüfen, welches System du hast - sonst Fehlkauf. |
| Achse bei Belastung | höhere Belastung, eher Achsbrüche | Lager weiter außen, stabiler | Für schwere Fahrer und E-Bikes ist die Kassette klar im Vorteil. |
| Heute kaufbar | nur noch wenige Modelle | volle Auswahl aller Hersteller | Ersatzteil-Verfügbarkeit spricht langfristig für die Kassette. |
Du siehst: Technisch ist die Kassette dem Schraubkranz in fast jedem Punkt voraus, vor allem bei der Stabilität der Achse. Der Schraubkranz hat heute nur noch dort seine Berechtigung, wo ein altes Rad mit passender Nabe weiterlaufen soll.
Welches Werkzeug brauche ich?
Jetzt zum Punkt, der die meisten Fehlkäufe verursacht. Schraubkranz und Kassette brauchen unterschiedliches Werkzeug, und beim Schraubkranz kommt noch eine Tücke dazu.
Für die Kassette brauchst du zwei Dinge: einen Kassettenabzieher, der in die Verzahnung des Verschlussrings greift, und eine Kettenpeitsche, die das Ritzelpaket gegenhält, während du den Ring löst. Ohne Gegenhalter dreht sich beim Lösen einfach der Freilauf mit, und du bekommst keinen Druck auf den Ring. Der Verschlussring hat ein Linksgewinde-Gefühl beim Lösen: Abzieher gegen den Uhrzeigersinn drehen.

Für den Schraubkranz brauchst du einen Schraubkranz-Abzieher - und hier wird es heikel. Es gibt nämlich nicht den einen Abzieher, sondern verschiedene Typen, die sich in der Form unterscheiden: manche haben zwei Nocken, andere vier Nocken, wieder andere greifen mit 12 oder 20 feinen Zähnen. Welcher passt, hängt vom Hersteller deines Schraubkranzes ab. Bei den meisten Shimano- und SunRace-Schraubkränzen ist es der 12-Zähne-Typ. Du musst vor dem Kauf direkt auf die Aufnahme in der Mitte deines Schraubkranzes schauen und den Typ bestimmen. Eine Kettenpeitsche brauchst du beim Schraubkranz übrigens nicht - der ganze Block wird ja im Stück herausgedreht.
💡 Mein Werkstatt-Tipp: "Ein fest sitzender Schraubkranz braucht brachiale Kraft, weil er sich über Jahre durch dein eigenes Treten immer fester gezogen hat. Ich spanne den Abzieher dafür von unten in einen großen Schraubstock und drehe dann das ganze Laufrad als Hebel. Mit einem kurzen Maulschlüssel allein reißt du dir eher die Nocken ab, als dass sich was löst. Der Schraubstock ist hier kein Luxus, sondern der Trick, der den Job überhaupt machbar macht."
Schraubkranz oder Kassette wechseln - so gehst du vor
Beide Wechsel beginnen gleich: Hinterrad ausbauen. Danach trennen sich die Wege.
Kassette wechseln:
- Kettenpeitsche auf eines der größeren Ritzel legen und gegen die Fahrtrichtung gegenhalten.
- Kassettenabzieher in den Verschlussring setzen, mit einem Schlüssel gegen den Uhrzeigersinn lösen. Es macht meist ein deutliches Knacken, wenn er aufgeht.
- Verschlussring abnehmen, Ritzelpaket vom Freilaufkörper abziehen. Achte auf die Reihenfolge und die kleinen Distanzringe.
- Neue Kassette aufstecken - die Verzahnung passt nur in einer Position, eine Nut ist breiter. Verschlussring mit 40 Newtonmeter festziehen.
Schraubkranz wechseln:
- Schraubkranz-Abzieher passend zum Typ in die Aufnahme stecken. Wenn vorhanden, die Schnellspannachse zur Sicherung leicht andrehen, damit der Abzieher nicht herausspringt.
- Abzieher in den Schraubstock spannen (oder mit langem Schlüssel) und gegen den Uhrzeigersinn lösen. Hier ist der Moment, wo es richtig Kraft braucht.
- Sobald er sich gelöst hat, die Sicherung entfernen und den Schraubkranz von Hand komplett herunterdrehen.
- Neuen Schraubkranz mit etwas Fett am Gewinde aufschrauben. Er zieht sich beim ersten kräftigen Treten von selbst fest - nicht mit Gewalt überdrehen.
Eine ausführliche, bebilderte Anleitung für das moderne System findest du in meinem Beitrag wie du die Fahrrad-Kassette wechselst. Wenn du nicht sicher bist, welcher Freilauf-Standard bei dir verbaut ist - HG, Microspline, XD oder eben ein Schraubkranz - hilft dir mein Leitfaden den Freilauf-Standard bestimmen beim sicheren Identifizieren.
Vom Schraubkranz auf Kassette umsteigen
Ehrlich gesagt ist das die Frage, die mir am häufigsten gestellt wird: "Kann ich meinen alten Schraubkranz einfach gegen eine moderne Kassette tauschen?" Die nüchterne Antwort lautet: nicht direkt. Eine Schraubkranznabe hat ein Gewinde, eine Kassettennabe hat einen Freilaufkörper - das sind zwei völlig verschiedene Naben. Du kannst auf eine Gewindenabe keine Kassette stecken.
Für den Umstieg brauchst du also ein neues Hinterrad oder zumindest eine neue Nabe. Und hier kommt der Praxis-Hinweis, der dir Geld spart: Nur die Nabe zu tauschen bedeutet, das Laufrad komplett neu einzuspeichen. Das ist oft teurer als gleich ein fertig eingespeichtes neues Hinterrad mit Kassettenfreilauf zu kaufen. In neun von zehn Fällen rate ich zum kompletten Laufrad.
Marketing-Stimmen verkaufen den Umstieg gern als simples Upgrade. In der Werkstatt sehe ich das nüchterner: Wenn dein altes Rad sonst gut läuft und du nur ab und zu fährst, reicht oft ein frischer Schraubkranz für ein paar Euro völlig aus. Lohnt sich der Aufwand mit neuem Laufrad? Nur, wenn du wirklich mehr Gänge willst, häufiger fährst oder das Rad ohnehin ein neues Hinterrad braucht. Welche Kassette dann zu deinem Antrieb passt, klärt mein Ratgeber welche Fahrradkassette du brauchst.
Eine kleine, oft übersehene Lösung gibt es noch: Auf einen modernen 8- bis 11-fach-HG-Freilaufkörper passt mit einem günstigen Distanzring (rund 2,50 Euro) auch eine 7-fach-Kassette. Wer also ein neueres Hinterrad hat und aus Gewohnheit nur 7 Gänge fahren will, ist nicht zwingend auf den Schraubkranz angewiesen. Die passende Kassette dafür findest du in unserer Auswahl an Fahrradkassetten.

Häufige Fragen zu Schraubkranz und Kassette
Was ist der Unterschied zwischen Schraubkranz und Kassette?
Beim Schraubkranz bilden Ritzel und Freilauf eine Einheit, die komplett auf das Gewinde der Nabe geschraubt wird. Bei der Kassette sitzt der Freilauf in der Nabe selbst (Freilaufkörper), und die Ritzel werden als loses Paket aufgesteckt und mit einem Verschlussring gehalten. Der Schraubkranz ist die ältere Technik mit meist 5 bis 7 Gängen, die Kassette der moderne Standard mit 8 bis 12 Gängen.
Wie erkenne ich, ob ich einen Schraubkranz oder eine Kassette habe?
Schau auf das kleinste Ritzel: Siehst du einen separaten Verschlussring, der das Paket hält, ist es eine Kassette. Fehlt der Ring, ist es ein Schraubkranz. Zweiter Test: Drehst du die Ritzel rückwärts, bleibt bei der Kassette der innere Teil stehen, beim Schraubkranz dreht sich der ganze Korpus mit ab. Als Daumenregel gilt außerdem: 5 bis 7 Gänge an einem älteren Rad sind fast immer ein Schraubkranz, ab 8 Gängen ist es eine Kassette.
Welches Werkzeug brauche ich zum Wechseln?
Für eine Kassette brauchst du einen Kassettenabzieher für den Verschlussring plus eine Kettenpeitsche zum Gegenhalten. Für einen Schraubkranz brauchst du einen passenden Schraubkranz-Abzieher - achte auf den Typ, denn es gibt Varianten mit zwei oder vier Nocken sowie mit 12 oder 20 Zähnen. Der Typ muss zur Aufnahme deines Schraubkranzes passen. Eine Kettenpeitsche ist beim Schraubkranz nicht nötig.
Kann ich einen Schraubkranz gegen eine Kassette tauschen?
Nicht direkt. Eine Schraubkranznabe hat ein Gewinde, eine Kassettennabe hat einen Freilaufkörper - das sind zwei verschiedene Naben. Für den Umstieg brauchst du ein neues Hinterrad oder eine neue Nabe. Da der Tausch nur der Nabe ein komplettes Neueinspeichen bedeutet, ist meist ein fertig eingespeichtes neues Hinterrad die günstigere Lösung.
Wie viele Gänge hat ein Schraubkranz maximal?
In der Praxis bis 7-fach. Es gab vereinzelt auch 8-fach-Schraubkränze, die sind aber selten. Wer mehr Gänge oder eine moderne Abstufung will, kommt um eine Kassette und damit um eine Kassettennabe nicht herum. Die allermeisten heute verkauften Ritzelpakete von 8 bis 12 Gängen sind Kassetten.


