Hand aufs Herz: Beim Innenlager wird mehr Geld in den Sand gesetzt als bei fast jedem anderen Bike-Teil. Du bestellst ein Tretlager, das in Tests gut wegkommt, schraubst es zu Hause an - und es passt schlicht nicht in deinen Rahmen. Dann liegt ein 40-Euro-Teil ungenutzt in der Schublade. Das passiert, weil drei Dinge zusammenpassen müssen: die Gehäusebreite, der Wellenstandard und deine Kurbel. Verwechselst du nur eines davon, ist es der falsche Kauf. Ich schraube täglich an Bikes und zeige dir hier in wenigen Minuten, wie du dein System sicher bestimmst - damit du genau ein Lager bestellst und nicht drei.
Inhalt
- Die drei Dinge, die zusammenpassen müssen
- Schritt 1: Gehäuse bestimmen (geschraubt oder eingepresst)
- Schritt 2: Wellenstandard an der Kurbel ablesen
- Der große Vergleich: Welches System passt zu dir?
- Leistungsklassen: gut, besser, perfekt
- So misst du richtig nach
- Ehrlich gesagt: Worauf es wirklich ankommt
- Häufige Fragen
Die drei Dinge, die zusammenpassen müssen
Bevor du auch nur ein Lager in den Warenkorb legst, präg dir diese drei Begriffe ein. Genau an ihrer Kombination scheitert der typische Fehlkauf. Erstens das Gehäuse: Ist es geschraubt (Gewinde im Rahmen, Lagerschalen werden eingedreht) oder eingepresst (kein Gewinde, Lager werden hineingepresst)? Zweitens die Gehäusebreite: Die misst du quer über das Tretlagerrohr in Millimetern. Drittens der Wellenstandard: Das ist die Achse, auf der deine Kurbel sitzt - sie muss zur Kurbel passen, nicht zum Rahmen.
Der häufigste Denkfehler: Leute kaufen nach dem Rahmen und vergessen die Kurbel. Eine SRAM-DUB-Kurbel braucht ein DUB-Lager, eine Shimano-Hollowtech-II-Kurbel ein 24-mm-Lager - egal wie das Gehäuse heißt. Erst wenn Gehäuse, Breite und Welle zusammenpassen, dreht sich am Ende alles rund und leise.
Schritt 1: Gehäuse bestimmen (geschraubt oder eingepresst)
Schau in das Tretlagerrohr deines Rahmens. Siehst du dort ein Gewinde, in das die Lagerschalen eingedreht sind, hast du ein geschraubtes Gehäuse. Sitzen die Lager dagegen glatt in einer Kunststoff- oder Alu-Aufnahme ohne jedes Gewinde, ist es Pressfit (eingepresst). Das ist die wichtigste erste Weiche, denn sie entscheidet über die ganze Werkzeug- und Lagerwelt.
Beim geschraubten BSA-Gehäuse (auch englisch oder BSC genannt, 1,37 Zoll x 24 Gewindegänge) sind 68 mm der Rennrad-Standard und 73 mm der MTB-Standard. Wichtig und der Klassiker unter den Anfängerfehlern: Die rechte, antriebsseitige Schale hat ein Linksgewinde und löst sich im Uhrzeigersinn. Das seltenere italienische Gewinde misst 70 mm (36 mm Durchmesser) und hat auf beiden Seiten normales Rechtsgewinde.
Bei Pressfit ordnet die Gehäusebreite das System zu: BB86 ist 86,5 mm breit (41 mm Innendurchmesser, Rennrad), BB92 misst 91,5 mm (41 mm, MTB). PF30 nutzt eine 46-mm-Schale, BB30 42 mm bei 68 oder 73 mm Breite. PF92 ist technisch dasselbe wie BB92. Klingt nach vielen Kürzeln, aber du musst nur deine eigene Zahl kennen.
💡 Mein Werkstatt-Tipp: "Der allerschnellste Check steht oft direkt auf dem alten Lager: Dreh es nicht gleich raus, sondern such nach dem Stempel. BSA oder ITA steht meist auf der Schale, bei Pressfit fehlt jedes Gewinde komplett. Diese zwei Sekunden Hinschauen sparen dir den häufigsten Fehlkauf - ich sehe falsch bestellte Lager mindestens einmal die Woche auf der Theke liegen."
Schritt 2: Wellenstandard an der Kurbel ablesen
Jetzt kommt der Teil, den fast alle vergessen: Das Lager muss nicht nur zum Rahmen, sondern auch zur Kurbel passen. Entscheidend ist die Welle (Achse), auf der die Kurbel steckt.
Bei Shimano Hollowtech II (und vielen vergleichbaren Systemen) ist die Welle eine dicke 24-mm-Hohlachse, die fest an der rechten Kurbel hängt. Die Lager sind nach außen gewandert - du siehst zwei Außenlagerschalen am Rahmen. Das ist heute das mit Abstand gängigste System an MTB und Rennrad.
SRAM DUB ist der moderne SRAM-Standard mit einer 28,99-mm-Welle - also knapp 29 mm. Eine DUB-Kurbel passt nur in ein DUB-Lager, niemals in ein Shimano-24-mm-Lager und umgekehrt. Die Achsdurchmesser sind schlicht zu verschieden.
Bei älteren oder günstigen Rädern triffst du auf Vierkant (englisch square taper): Die Kurbel steckt auf einem vierkantigen, sich verjüngenden Achsstummel und hält rein durch die Klemmung der Kurbelschraube. Die verwandte Octalink-Variante von Shimano sieht ähnlich aus, hat aber eine gezahnte Hohlwelle mit acht Keilen. Beide gelten heute als älterer Standard, sind aber an Millionen Alltagsrädern verbaut.

Der große Vergleich: Welches System passt zu dir?
Die folgende Tabelle bringt alles zusammen: Gehäuse, Welle und vor allem die Frage, für welchen Fahrer-Typ das System wirklich gemacht ist. Diese Spalte hilft dir, dein eigenes Rad einzuordnen.
| System | Gehäuse / Breite | Welle | Wann empfehlen wir das? |
|---|---|---|---|
| BSA + Hollowtech II | geschraubt, 68 mm (Rennrad) / 73 mm (MTB) | 24 mm | Für die allermeisten modernen Shimano-Bikes - das robusteste, wartungsfreundlichste System. Unsere Standard-Empfehlung, wenn du die Wahl hast. |
| BSA + SRAM DUB | geschraubt, 68 / 73 mm | 28,99 mm | Für alle, die eine moderne SRAM-Kurbel fahren (Eagle, GX, X01). Lager muss zwingend DUB sein, sonst passt die Welle nicht. |
| Pressfit (BB86/BB92, PF30) | eingepresst, 86,5 / 91,5 mm | 24 mm oder DUB (je Adapter) | Für leichte Carbon-Rahmen ohne Gewinde. Braucht Presswerkzeug und neigt eher zum Knacken - nur wählen, wenn dein Rahmen es vorgibt. |
| Vierkant / Octalink | geschraubt, meist 68 / 73 mm | Vierkant bzw. 8 Keile | Für ältere City-, Trekking- und günstige Räder. Günstig und unverwüstlich - hier reicht ein simples Patronenlager. |
Leistungsklassen: gut, besser, perfekt
Du musst nicht das teuerste Lager kaufen, sondern das passende für deinen Einsatz. So ordne ich die Qualitätsstufen in der Werkstatt ein - auf einen Blick erkennbar.
So misst du richtig nach
Wenn du dir nicht sicher bist, brauchst du nur einen Messschieber und zwei Minuten. So gehst du vor:
- Gewinde oder nicht? Schau ins Tretlagerrohr. Gewinde sichtbar = geschraubt (BSA oder italienisch). Glatte Lageraufnahme = Pressfit. Das ist die wichtigste Entscheidung.
- Gehäusebreite messen. Leg den Messschieber quer über das Tretlagerrohr (von Außenkante zu Außenkante des Rohrs, ohne Lagerschalen). 68 oder 73 mm deuten auf BSA, 70 mm auf italienisch, 86,5 oder 91,5 mm auf Pressfit.
- Welle an der Kurbel ablesen. Dicke 24-mm-Hohlachse mit Außenlagern = Hollowtech II. Knapp 29 mm = SRAM DUB. Vierkantiger Stummel = Vierkant. Gezahnte Hohlwelle = Octalink.
- Stempel checken. Auf vielen Lagern steht der Standard direkt drauf (BSA, ITA, DUB, BB86). Das ist die Abkürzung zur Sicherheit.
Wenn dein altes Lager ohnehin raus muss, hilft dir meine Schritt-für-Schritt-Anleitung zum Tretlager wechseln, ausbauen und einbauen beim Ein- und Ausbau - inklusive Gewinderichtung und Drehmoment. Das passende Spezialwerkzeug je Bauart findest du in der Kategorie Fahrradwerkzeug.

Ehrlich gesagt: Worauf es wirklich ankommt
Das Marketing verkauft dir gern das teuerste Keramik-Lager als Geheimwaffe gegen jedes Geräusch und für mehr Watt. In der Werkstatt sehe ich das anders: Das beste Lager der Welt knackt, wenn das Gehäusegewinde trocken ist oder die Lagerschale nicht mit korrektem Drehmoment sitzt. Sauberes Arbeiten und der richtige Standard schlagen den Aufpreis fast immer. Für 95 Prozent aller Fahrer ist ein gut abgedichtetes Lager der Mittelklasse die ehrlichste Wahl.
Und ja, Pressfit hat sich vor allem durchgesetzt, weil es für die Hersteller in der Produktion günstiger ist, nicht weil es für dich automatisch besser läuft. Wenn du die freie Wahl hast, ist ein geschraubtes BSA-Lager oft das wartungsfreundlichere und leisere System. Wenn dein Rad trotz neuem, passendem Lager noch Geräusche macht, steckt die Ursache meist woanders - dann hilft dir mein Ratgeber Fahrrad knackt beim Treten - woran liegt's bei der Spurensuche.
💡 Mein Werkstatt-Tipp: "Bestell nie nach dem Bauchgefühl, sondern nach drei notierten Werten: Gehäuse-Typ, Breite in Millimetern, Wellenstandard der Kurbel. Ich schreib mir diese drei Angaben vor jeder Bestellung auf einen Zettel. Seit ich das mache, kommt kein falsches Lager mehr ins Haus - und der Kunde wartet nicht zwei Wochen auf den Umtausch."
Häufige Fragen
Woher weiß ich, ob ich BSA oder Pressfit habe?
Schau in das Tretlagerrohr deines Rahmens. Siehst du ein Gewinde, in das die Lagerschalen eingedreht sind, hast du ein geschraubtes BSA- oder italienisches Gehäuse. Sitzen die Lager glatt ohne Gewinde in einer Aufnahme, ist es Pressfit. BSA misst 68 oder 73 mm Breite, Pressfit meist 86,5 oder 91,5 mm. Oft steht der Standard auch direkt auf der alten Lagerschale.
Passt ein Shimano-Innenlager auf eine SRAM-DUB-Kurbel?
Nein. Shimano Hollowtech II nutzt eine 24-mm-Welle, SRAM DUB eine 28,99-mm-Welle - also knapp 29 mm. Die Achsdurchmesser sind zu verschieden, die Systeme sind nicht kompatibel. Eine DUB-Kurbel braucht zwingend ein DUB-Lager, eine Shimano-Kurbel ein 24-mm-Lager. Das gilt unabhängig vom Gehäuse.
Was bedeuten BSA 68 und 73 mm?
Das ist die Breite des geschraubten Tretlagergehäuses. 68 mm ist der typische Rennrad-Standard, 73 mm der MTB-Standard. Beide nutzen das englische BSA-Gewinde (1,37 Zoll, 24 Gewindegänge) mit Linksgewinde auf der rechten, antriebsseitigen Schale. Das italienische Gehäuse misst dagegen 70 mm und hat beidseitig Rechtsgewinde.
Ist mein Lager Vierkant oder Hollowtech?
Schau auf die Welle an der Kurbel. Steckt die Kurbel auf einem vierkantigen, sich verjüngenden Stummel und wird mit einer zentralen Schraube gehalten, ist es Vierkant. Siehst du dagegen zwei Außenlagerschalen am Rahmen und eine dicke 24-mm-Hohlachse, ist es Hollowtech II. Eine gezahnte Hohlwelle mit acht Keilen deutet auf Octalink.
Welches Innenlager ist das beste für den Alltag?
Für die allermeisten Fahrer ist ein gut abgedichtetes Lager der Mittelklasse der beste Kauf: laufruhig, langlebig und bezahlbar. Ein teures Keramik-Lager bringt im Alltag kaum spürbaren Vorteil und lohnt sich eher im Wettkampf. Wichtiger als der Preis ist, dass Gehäuse, Breite und Wellenstandard exakt passen und das Gewinde beim Einbau gefettet wird.



